Nachkriegszeit

Im Sommer 1939 war ich, 13-jährig, wie auch im Winter zum Skifahren, in den Ferien an einem kleinen Ort im Schwarzwald. Die Menschen gingen Richtung Kirche, die winzig und aus Holz war. Ich auch. Es war eine eigenartige Stimmung. Der Gemeindepfarrer verkündete von der Kanzel: K r i e g !

Wir sind in Danzig über die Polen hergefallen und werden siegen! Dann stimmte er “ Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und………“ Wofür? – Aber das wusste wohl niemand so richtig. Unser Führer wirds machen.

Wie der Krieg dann weiterging, und wie wir im Laufe der Jahre litten, ahnte damals niemand. Das erlebten wir dann alle. Und es wurde reichlich darüber geschrieben. Deshalb mache ich einen Zeitsprung zu 1944. Ab da wusste man: der Krieg ist verloren.

Im Oktober 1944 hatte ich mein Abitur hinter mir und wurde innerhalb von einer Woche zum Arbeitsdienst einberufen. Es lag Schnee und wurde ein bitter kalter Winter. Das Arbeitslager befand sich auf einer Anhöhe, weit ab von Verkehrsmitteln. So stapfte ich mit leichtem Schuhwerk ( keiner hatte meht als zwei Paar Schuhe ) durch den Schnee zum Lager. O je! Eine Holzhalle ohne Heizung, zugig, mit ca. 20 Hochbetten. 40 junge Mädchen, die froren. Plumpsklo 30 Meter ausserhalb. Abends vor der Pritsche antreten, Nachthemd hoch und zeigen, nichts Warmes drunter. So war Abhärtung!

Ein Kleid, Socken und Kommissstiefel von Soldaten wurden gestellt. Die Losung war: 4 km über eine Hochebene zu einer Bauernfamilie. Der Wind pfeift. Die Stiefel passen nicht richtig und tun weh. So erlebte ich drei Außenstellen. Ich beschränke mich auf eine. Ein bißchen Landwirtschaft und gleichzeitig eine Beiz mit Pissoir. Ein französischer Gefangener teilte mein Leid. Ich hatte zu Putzen – natürlich auch das Pissoir: eine geteerte schwarze Wand, unten eine Rinne als Ablauf. Es gab eine lastgebückte Oma, eine eingeschüchterte Mutter, einen grobschlächtigen Vater und drei Kinder. Der älteste 5.

An der Wand in der Küche hing ein Kasten mit Hochprozentigem. Der 5 jährige konnte, auf einem Stuhl stehend, den Alkohol erreichen, labte sich daran und gab auch den Geschwistern was ab. Zur Mittagszeit sassen wir zu acht am Holztisch.

Eine riesige rechteckige Pfanne mit Bratkartoffeln, Gemüse und sonstwas auf dem grossen Tisch. Jeder hatte einen Löffel und grub in der Kachel rum zum Sattwerden. Oma sah kaum über die Tischkante. Sie fuhr mit ihrem Löffel durch die Kachel und steuperte ihn am andern Ende. Nachdem sie den Löffel wieder aus dem Mund genommen hatte, wischte sie ihn an ihrer fleckigen Schürze ab, um mit der Schürze den Kindern die Rotznasen zu putzen.

Am Wochenende hatten wir Schulung. 2 sogenannte Führerinnen, die wohl kriegsbedingt wenig Schule gesehen hatten, unterrichteten. Katastrophe. Wir waren 2 Abiturientinnen und brachten sie sehr ins Schwitzen mit unseren Fragen. Das mussten wir natürlich mit den schlimmsten Aussenstellen büßen.

Genug davon! Ich zog mit Erfrierungen an den Füssen und meiner Lagerkleidung per Anhalter weiter. Wenig Autos, vereinzelt Lastwagen. Zu meinem Vater, der im Schwäbischen ein Kloster zum Lazarett umgemodelt hatte. Ob zu Hause in der Stadt unsere Wohnung zerbombt war, wusste ich nicht.

Also, nach 2 Tagen mit wechselnden LKWs tauchte ich bei ihm auf und bat um Asyl. Er meinte, es wäre für ihn als Verwalter in Offiziersuniform korrupt, mich aufzunehmen. Durch Jammern und Heulen wurde er zugänglich mit folgender Bedingung: Auf den Knien von morgens bis abends die riesige Klosterküche wischen. So rutschte ich auf Knien zwischen den Ordensschwestern umher. Irgendwann erweichte ich durch Leistung sein Herz. Von nun an ins Labor zu Schwester Grete. Aufgabe: Urin zentrifugieren und Blut abnehmen. Aber nur von den Russen (wir hatten solche von der Wlassoarmee). Die hatten gegerbte Haut. Venen waren schwer zu finden. Und sie genossen es, von einem blonden jungen Mädchen immer wieder gepiekst zu werden.

Immer noch in meinem Arbeitsdress! Inzwischen waren die Franzosen einmarschiert, und wir waren Gefangene. Ein französischer Offizier, sonst nur Marokkaner. Ich schlief im Untergeschoss mit Oberlichter. Ein kleiner Marokkaner reichte mir immer wieder dunkle Kochschokolade zum Fenster rein. Mein Schulfranzösisch reichte, um ihn eines Tages zu fragen, ob er mit mir ins Dorf zur Schneiderin ginge. Von meinem Vater hatte ich mir ein Leintuch erbettelt. Nachdem sein Oberer es erlaubt hatte, spazierten wir mit Leintuch zur Schneiderin. Er drei Schritte stolz vor mir mit aufgepflanztem Bajonett.
Dieses Leintuch als Kleid war mein Schönstes und Kostbares im Leben!

Das war das Ende des Kriegs und der Anfang der Nachkriegszeit.