Nachkriegszeit II

Nachdem uns die Franzosen Lebensmittel beschlagnahmt und per LKW abgefahren hatten, waren uns nur noch Säcke mit Bohnenkernen geblieben. Morgens, mittags und abends gab es Bohnensuppe Auf dem Teller schwammen schwarze Käfer, die wir als Keratinversorgung mitassen. Der Hunger treibt alles rein!

Ich wurde aus der schwäbischen französischen Gefangenschaft entlassen und war gespannt, was ich als Zuhause vorfinden werde. Es bestand noch. Oma und Opa lebten. Und so sollte das Leben relativ normal weitergehen. An Studieren war zu der Zeit nicht zu denken. Also belegte ich bei einer Privatschule das Fach „Wirtschaftsenglisch“.

Nebenher machte ich „Dienstmädchen“ bei einer ungebildeten amerikanischen Offiziersfamilie. Er liess immer die Klotüre offen, wenn er auf dem Thron sass. Und sie schloss sich ein und arbeitete ihren Frust an der Nähmaschine ab. Das reichte bald. Ich bekam die Chance, bei der Militärregierung als Dolmetscherin zu arbeiten. In der Presseabteilung, allein mit einem gestrengen Boss in Uniform. Meine Aufgabe war, die Leitartikel der einzelnen württembergischen Städte aufzunehmen, zu übersetzen und ihm zur Überpruefung weiterzureichen.

Dann kam der Stress: unsere Stadt war vor dem Krieg bekannt für Verlage, die meist in jüdischer Hand gewesen waren. Die überlebenden früheren Verlagsinhaber forderten „Wiedergutmachung“. Diese wurden in meiner Abteilung verhandelt. Protokollführung etc. es wurde mir zuviel, und es kam noch eine ehemalige Lehrerin zur Unterstützung.

Es gab eine sogenannte Messe, wo sich jeder Mitarbeiter ein für damals köstliches Mahl abholen durfte. Es war die Zeit des Hungerns! Selbst im Krieg war der Hunger nie so schlimm wie jetzt. Wir wohnten am Wald. Rutschten auf den Knien auf dem Waldboden und sammelten Bucheckern. Konnte man in Öl eintauschen. Öl war wie Gold. Oder ich fuhr am Wochenende mit Fahrrad im Zug aufs Land. Alles, was ich entbehren konnte, sollte in Butter, Brot oder Speck kompensiert werden. Hunger!

Dann kam 1948 die Währungsreform! Jeder Mensch sollte gegen Ausweis bei der Polizeistelle 60 Deutsche Mark erhalten.

Hunger vorbei?

Ich war verhindert und schickte meinen Freund zur Geldabholung. Er war leichten Gemüts, dachte nicht an Geld, wollte mir eine Freude machen. Und: er kam mit leuchtenden Augen und einem Flacon Chanel 5 für mich. Heulen oder Lachen?! Ich entschied mich erst fuer das Eine, dann für das Andere. Aber auch, um den Hunger nicht so wichtig werden zu lassen, gingen wir zu Konzerten, Voträgen, Vernissagen etc. keiner war beleibt, alle Menschen schlank und begierig nach Kultur!

Heute sind wir satt!

Das waren einige persönliche Schlaglichter auf die Nachkriegszeit.

Jetzt gehen wir wieder auf Reisen!