Auswandern

Der Pubbesitzer schlug auf mein Angebot ein. Und jetzt?? Wahrscheinlich dachte er: Wenn schon mal so ein Irrer kommt, dann zuschlagen. Also bei dieser geringen Summe musste ich zusagen. Einiges Behoerdliche, und es war meins.

Mein Mann war ein Multitasker: Strom, Heizung, Boden, Fenster, war alles kein Problem. Also Pläne machen. Er, der zu der Zeit ohnehin keinen Job hatte, ging, zusammen mit einem grossen Container, in dem sich der Hausrat und Heizkessel, Waschmaschine, Trockner ect. befanden, in Richtung neue Heimat.

Ich stellte inzwischen fest, dass ich schwanger war. Nun, das passte ja. Mein Geschäft, die Quelle der erforderlichen Mittel, musste weiterlaufen. Zum Glück hatte ich eine ausgezeichnete Vertretung, die mir wöchentlich berichten musste. Zweimal im Monat flog ich kurz ins Geschäft oder auch zu Messen.

Kurz nach der Geburt einer Tochter – die Bauerei war fertig – flog ich samt dem Baby in unser neues Zuhause. Ich war voll Zuversicht und Freude auf Neues. Wir stellten eine Nanny, auch fuer den Haushalt, ein. Sie war 30 Jahre alt und hatte nur einen Zahn im Mund. Skorbut. Die Bevölkerung ernaehrte sich von Hammel und Cabbage (Kohl).

Aber sie konnte traumhaft singen. Ab und zu sassen wir zusammen bei der Oma im Pub. Bitte sing! Sie schloss die Augen. Ihr Stoutglas in der Hand. Und sie sang die alten irischen Lieder vom Johnny, der Heimat und Liebste zurückgelassen hat, um in Amerika Geld zu verdienen und dem Hunger zu entgehen.

Es war so schön, und doch musste ich immer eine Träne weinen bei dieser Schwermut. Diese Lieder hörte man überall beim Zusammensein. Es war Irlands traurige Geschichte. Sie waren mausarm. Und ich vermisste den Wald. Angeblich hatten die Engländer die Insel gerodet, um mit dem Holz ihre Flotte zu bauen.

Wir lebten jetzt in Irland. Weit ab von der Zivilisation. Der nächste Ort war Innishannon. Dort gab es das Dringendste zum Leben, auch Kohl. Und die Verbindung zur weiten Welt. Es ging so: ich hatte ein „Festnetz“, bestehend aus einem Telefonhörer ohne Wahlscheibe. Beim Abnehmen des Hörers meldete sich der Besitzer und Greengrozer von Innishannon.

Ich gab ihm meine Nummer vom Geschäft und wartete, meist Stunden, bis der Rückruf aus der Heimat kam. So war es damals. Shopping gabs nicht. Kino oder andere Ablenkung gabs auch nicht. Aber es gab am Wochenende das Clubhaus von den Seglern. Segeln, Kirche und Alkohol. Das wars damals. Also Samstagabend was erleben.

Es wurde getrunken, fachgesimpelt übers Segeln.

Es waren fast ausschliesslich Drachenboote im schwierigsten Segelgebiet. Frauen konnte man da nicht brauchen. Ich beschränkte mich bei sonntäglichen Regatten auf Kartoffelsalat für alle. War sehr begehrt.

Zurück zu Samstagabend. Im Sommer 11 Uhr, im Winter 10 Uhr „closing time“. Licht aus. Nix mehr zum Trinken. Es gab am Ort, der übrigens Kinsale hiess, Tiefseetauchen und 1 Hotel. 12 Motorboote, von meist Amerikanern, fuhren mit einem auf einen Stuhl angeschnallten Menschen, dahin, wo die Riesenfische darauf warteten, geangelt zuwerden, an Land gewogen, und dann an der Stelle entsorgt, wo am nächsten Tag die Dinger wieder rausgefischt wurden. Ein makabres Vergnuegen!

Also bei closingtime wanderte der ganze Club in die Garderobe vom Hotel und beschäftigte den houseservice. Stoutglas in der Hand, aufrecht an die Wand gelehnt, mangels Sitzgelegenheit, ging es mit jedem Stout langsam in die Hocke. So, bis Sonntagmorgen zur ersten Messe. Sie waren schliesslich sehr katholisch, auch im alkoholisierten Zustand. Nicht vergessen, es war in den Sechzigern, und das Land war bitterarm.

Ich fühlte mich mit der Zeit doch etwas einsam. Mein Mann kaufte mir ein neugeborenes Eselbaby beim Schlachter. Mein Baby und mein Eselchen brachten mir einige Zeit Freude. Doch mein Gemüt wurde immer dunkler.

Viel Regen, wenig Sonne und immer der Wind.

Dafür hatten wir ein Glashaus im Garten gebaut. Wenn ich aus Deutschland kam, hatte ich immer Blumenzwiebel, Setzlinge und Samen dabei. Ich brauchte Blumen und Farben um mich. Der Mann unserer Haushalthilfe war unser Gärtner. Er pflanzte und säte. Er erschuf an der Auffahrt, für dortige Verhältnisse, eine Blumenpracht in vielen Farben.

Die wenigen vorbeifahrenden Autos blieben stehen und staunten. Der Gärtner und seine Frau arbeiteten bei uns den ganzen Tag fuer je 1 Pfund. Damals ca. 4 DM.

Aber ich wurde immer trauriger.

In der Nähe standen 2 Forchen. Auf denen sassen gefühlte 100 Krähen und krächzten. Eilende Wolkenfetzen, Wind, Krähen und ein trauriges Gemüt. Das ging nicht auf Dauer. Ich musste zurück.

Haus verkaufen. Unser Haus war schliesslich in der englischen “ Schöner Wohnen“ das Haus des Jahres.
Dennoch! Soviel wie möglich verkaufen und zurück. Ein englischer Rentner, Militäroffizier, kaufte, und mit Hilfe eines Freundes brachten wir eine Tasche mit Barem nach Hause. Vor fünf Jahren hörte ich: alles ringsum am Ufer bebaut. Mein Haus ca. 1 Million wert!

Das war das irische Abenteuer.